Sommer 1913: Max Reger bei der Arbeit               Foto:Max-Reger-Institut

Eine monumentale Bach-Hommage


Max Regers Phantasie und Fuge über B-A-C-H op. 46 steht im Mittel­punkt des zweiten Teils von Bernhard Ruchtis Trilogie über das B-A-C-H­ Motiv in der spätromantischen Orgelmusik mit Schumann, Reger und Liszt. Am 12. Juni erläutert er den Aufbau und die Harmonik des Werks und bringt es dann auf der Goll-Orgel in der Linsebühl-Kirche St.Gallen zum Klingen. Lesen Sie dazu eine erste Einführung in diesem Bulletin Ausserdem laden wir Sie zu unserer Orgelfahrt am 1. September ein: Details zu Programm und Anmeldung finden Sie auf den hinteren Seiten.

Liebe Orgelfreundinnen und Orgelfreunde
Haben Sie gewusst, dass es Orgeln gibt, deren Labien an den Prospekt­pfeifen mit aufgemalten Gesichtern geschmückt sind? Oder dass es Orgeln gibt, die durch beidseitig an die Wand gemalte Pfeifen grösser und imposanter erscheinen sollen? Beeindruckend auch der Prospekt eines modernen Instruments, der mit langen Haaren verziert ist, die sich im Wind der gespielten Pfeifen bewegen. Oder gar ein Orgelprospekt in Form einer schützenden Hand. (s. Bilder)


Notre-Dame des Neiges, Alpe d·Huez (F)                       Foto: wikipedla
Jakobi-Kirche, Lübeck (D)                                 Foto: dewiki






















Sankt Martin, Kassel                                                                                                 Foto: courtesy the artist and galerie neu berlin / stefan korte

Dies und noch viel mehr durften die knapp 20 anwesenden Mitglieder an unserem ersten Anlass vom 27. April in einem äusserst spannenden und interessanten Referat von Matthias Hugentobler erfahren. Matthias ist seit vielen Jahren als Orgelbauer für die Firma Kuhn tätig und wusste bei seinen Ausführungen so richtig aus dem Vollen zu schöpfen. Sicherlich wirkte sich  der  Umstand, dass am selben Abend  die Aufführung  der "Landsgemeinde-Kantate" in Trogen stattfand, ungünstig auf die Besucherzahl  unseres  Anlasses  aus.  Wir  werden  in  Zukunft  selbstverständlich  versuchen,  solche  Kollisionen   wenn  immer  möglich  zu

venneiden.
Musikalisch umrahmt wurde der Abend mit für die Wurlitzer-Orgel zeit­typischen Werken durch Bernhard Ruchti, unterstützt durch mich am Schlagzeug.

Bereits aber steht der nächste Anlass an:  Ich freue mich sehr, Sie zu unserem zweiten Abend der 
B-A-C-H-Trilogie ins Linsebühl einzuladen:

Dienstag, 12. Juni 2018, 19.30 Uhr, Kirche Linsebühl, St.Gallen
Max Reger: Phantasie und Fuge über B-A-C-H

Bernhard Ruchti wird uns in das hochspannende Werk einführen und dieses danach zum Erklingen bringen. Seine vorbereitenden Ausfüh­rungen finden Sie in dieser Ausgabe des Bulletins.
Am 1. September werden wir auf unsere diesjährige Orgelfahrt ins Bündner Oberland gehen. Das Programm und die Einladung finden Sie ebenfalls in diesem Bulletin.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Frühsommer und freue mich darauf. Sie am 12. Juni beim BACH-Abend in der Unsebühl-Kirche zu sehen!

Freundliche Grüsse
Hans Peter Völkle


Max Reger als Orgelkomponist

Eine Einführung 
von Bernhard Ruchti

Max Reger (1873-1916) ist eine singuläre Gestalt in der Geschichte der Orgelmusik. Kein anderer Komponist hat sich um die Wende vom 19. ins 20.Jahrhundert so intensiv mit dem Instrument Orgel auseinandergesetzt und ein derart umfangreiches und qualitativ hochstehendes CEuvre hinter­lassen. Ebenso einzigartig in der damaligen Zeit sind seine Beschäftigung mit dem reformierten Choral und seine Berücksichtigung der praktischen Aspekte des Orgelspiels in der sonntäglichen Liturgie. Neben grossen und technisch höchste Anforderungen stellenden Werken gibt es zahlreiche namentlich choralgebundene Stücke, die sehr einfach und auch für Laienorganisllnnen problemlos erreichbar sind.

Endphase der "klassischen Tonalität"
Was macht die Faszination von  Regers  Musik  aus, einmal von  der  schie­ren Menge seines Schaffens abgesehen? Musikgeschichtlich befinden wir uns in der Endphase dessen, was man als "klassische Tonalität" be­zeichnen kann. Musiker wie Gustav Mahler oder Richard Strauss schaffen zwar noch innerhalb des klassisch-harmonischen Systems , reizen dieses jedoch bis an die Grenze aus. Komponisten wie Arnold Schönberg gehen noch einen Schritt weiter und geben um das Jahr 1906 herum die Tonali­tät ganz auf; atonale Musik entsteht, und nur wenige Jahre später schockieren zwölftönige Kompositionen die traditionelle  musikalische Welt.

Innerhalb dieses vibrierenden musikalischen Klimas verfolgt Reger einen "chromatischen"  Weg. Seine Musik ist ein beständiges, chromatische Verbindungen suchendes Modulieren innerhalb der tonalen Harmonik. Die Möglichkeiten, einzelne Töne harmonisch zu färben, scheinen beinahe unbegrenzt. Kaum ist eine Harmonie etabliert,führt eine melodische Fort­schreitung  bereits wieder zum  nächsten  harmonischen  Umfeld. Dieses
"Mäandrieren" der Harmonik ist von einem formalen Standpunkt aus gesehen das, was bei vielen Hörerinnen und Hörern den Eindruck er­weckt , Regers Musik sei "schwierig".


In der Tat ist es oft nicht einfach, den Überblick zu bewahren und dem Verlauf eines Werkes zu folgen. Möglicherweise ist dies sogar mit ein Grund, warum  Reger, der  harmonisch  und satztechnisch  klar  an  das
Schaffen des späten Johannes Brahms anknüpft, eine ausgeprägte Affinität für barocke Gattungen wie           
Choralvorspiel, Choralfantasie, Passacaglia und Fuge und entwickelt hat. In all diesen Gattungen gibt es starke formbildende Elemente wie die Choralmelodie, das Passacaglien­thema, das Fugenthema - Elemente, die Orientierung schaffen und der zuhörenden Person eine Hilfe geben, sich in den ständig wechselnden Farben zurechtzufinden.

Dazu kommt ein weiterer, wichtiger Aspektin Regers Orgelmusik. Durch die beständige, oftmals in den kleinsten rhythmischen Werten statt­ findende Modulation ist die harmonische Dichte in Regers Werken enorm. In vielen seiner Werke ist die Farbigkeit buchstäblich jeder Sechzehntel­ note entscheidend. Wo aber die Farben derart reichhaltig sind, wollen genau diese Farben auch gehört und erlebt werden. Man kann sogar so weit gehen zu sagen, dass es diese kleinen chromatischen Modulationen sind, die  die Essenz der Regerschen Orgelmusik ausmachen und an denen sich demzufolge auch die Interpretation orientieren muss. Dies hat Auswirkungen auf die Phrasierung und die Artikulation, aber in erster Linie hat es Auswirkungen auf das Tempo.

"net zu schnell"
Jüngere Forschungen von Marcel Punt' haben klar ergeben, dass für einen Grossteil der Werke von Max Reger die Metronomzahlen als Doppelschlag gemeint sind und im konkreten Gebrauch faktisch halbiert werden müssen. Dies stimmt mit Äusserungen von Reger selbst sowie von Personen aus seinem Umfeld überein. "Junger Mann, spielens meine Sachen halt net zu schnell; spielens alles recht ruhig, auch wanns schneller dasteht", so sagte Max Reger 1910 zu Gerhard Bunk. Und Regers Freund Karl Straube, einer der berühmtesten Organisten seiner Zeit, bemerkt 1944: "Die Anwendung von FD-Zug-Geschwindigkeiten im Zeitmass oder Hochdruck von Sirenengeheul ist ein Verbrechen gegen seine Kunst." Diesem Umstand tragen viele Aufführungen Regerscher Orgelmusik nicht genügend Rechnung, mit dem Ergebnis,  dass die harmonischen Fortschreitungen im Kleinen nicht mehr mitvollzogen werden können und damit der  Reiz und der Reichtum der Komposition zugunsten einer unüberschaubaren Klangmasse verloren geht.
Sind aber die Details hörbar und kann man als Zuhörerin dem harmoni­schen Verlauf folgen, so tritt etwas Eindrucksvolles ein: Man wird wie trunken von der Musik. Die überfülle der Stimmen und Harmonien wird zu einem Fest für die musikalischen Sinne. Dies ist bereits der Fall bei vielen der einfacheren Stücke beispielsweise aus den Opp. 67 oder 79b,und es ist erst recht der Fall bei einem Stück wie der monumentalen Phantasie und Fuge über B-A-C-H.
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⑴Marcel Punt: T   Straube Code . Oecip   ng the Metronome Marl!:s in Max Reger's Organ Music. First edition published 2008 by Sibelius Academy , Helsinki. Revised online edition published 2015 by Marcel Punt Muslc.


Max Reger. Phantasie und Fuge über B-A-C-H op.46, Handschrift für Kart Straube.
                                                                                                                          Foto: Max-Reger-Institut

Monumentales Werk
Regers Phantasie und Fuge über B-A-C-H steht  im Mittelpunkt des An­lasses am 12. Juni 2018. Das Stück entstand 1900 und zählt zu den ein­drucksvollsten Schöpfungen des Komponisten. Die Tonfolge B-A-C-H, die schon Robert Schumann und Franz Liszt zu musikalischen Hommagen an den Thomaskantor angeregt hat, ist auch für Reger Inspiration zu einem Werk monumentaler Grösse. Besticht die Phantasie durch prägnante Harmonik und gross  angelegte  sinfonische Flächen mit steter  Präsenz des Hauptthemas. ist die Fuge ein beeindruckendes Beispiel von Regers Kunst, barocke Kontrapunktik mit spätromantischer Expressivität zu ver­binden. Das Stück beginnt in extrem langsamem Tempo und arbeitet sich durch unmerkliches Accelerando, verbunden mit stetem  Crescendo, zu einem gewaltigen Finale voran. Mit imposanten architektonischen Mitteln wird der Zusammenhalt der Form durch markante Themeneinsätze erreicht.
Am 12. Juni werden der Aufbau der Phantasie und die kunstvolle Faktur der Fuge genauer unter die Lupe genommen, und es wird ein besonderes Licht auf die Geheimnisse von Regers Harmonik geworfen werden. Und natürlich wird das ganze Stück am Ende auf der herrlichen Orgel in der Linsebühlkirche erklingen; eine Orgel, die für Regers Musik wie ge­schaffen ist und sowohl die sinfonische Fülle wie auch die nötige Trans­ parenz zur Verfügung stellt.
Ein Anlass, der keinerlei Vorkenntnisse erfordert, und der hoffentlich dazu beitragen wird, Ohren und Herzen für die beeindruckende Kompositions­ kunst Max Regers zu öffnen!

Dienstag, 12. Juni, 19.30 Uhr, Kirche Linsebühl, St.Gallen


Kurzbiographie Max Regers
Neben Richard Strauss, Gustav Mahler, Hugo Wolf oder Arnold Schön­ berg sind die meisten deutschen Komponisten um 1900 lange Zeit star1< in Vergessenheit geraten. Max Reger (1873-1916) ist einer von  ihnen andere sind Hans Pfitzner,Ferruccio Busoni, Ermanno Wolf-Ferrari, Franz Schmidt oder Alexander von Zemlinsky.

Max Reger (1909)                                       Foto:picture-alliance/dpa

Geboren in Brand in der Oberpfalz, wächst er in der nahe gelegenen Stadt Weiden auf und erhält schon früh musikalische Unterweisung. Nach Studien bei dem berühmten Musiktheoretiker Hugo Riemann erleidet Reger in Folge seiner Militärdienstzeit und beruflicher Rückschläge einen nervlichen und physischen Zusammenbruch und kehrt 1898 ins Eltern­haus zurück. Dort steigert sich Regers Produktivität enorm, bis er 1901 seine Familie überreden kann, nach München zu übersiedeln, wo er mehr musikalische Anregungen erhofft als in der Oberpfalz.
1902 heiratet Reger, selbst Katholik, Elsa von Bercken, eine geschiedene Protestantin, was seine Exkommunikation zur Folge hat. Kompositorisch wie als konzertierender Pianist ist Reger äusserst produktiv. 1905 wird er als Nachfolger Rheinbergers an die Akademie der Tonkunst berufen, legt sein Amt aber bereits ein Jahr später wegen Unstimmigkeiten mit dem überwiegend konservativen Lehrkörper nieder.


Während eines Konzertaufenthalts in Karlsruhe empfängt Reger 1907 seine Berufung zum Universitätsmusikdirektor und Professor am Königlichen Konservatorium in Leipzig; Konzert- und Kompositionstätigkeit behält er bei. Während  er schon 1908 den Posten des Universitäts­musikdirektors wieder aufgibt, übernimmt er 1911 stattdessen den Posten des Hofkapellmeisters in Meiningen, den er bis Anfang 1914 innehat. Die intensive Kompositions-· und Konzertiertätigkeit führt er auch fort, nach· dem er 1915 nach Jena gezogen ist, von wo aus er einmal wöchentlich für seine Lehrveranstaltungen nach Leipzig fährt. Auf einer dieser Reisen erliegt Reger im Mai 1916 einem Herzversagen.

Andauernde Berühmtheit erlangte  Reger vor  allem durch seine Orgel­werke,  obwohl er auch in den Bereichen der  Kammermusik, der  Lieder, der Chor- und der Orchesterkomposition Bedeutendes geleistet hat.
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 ⑵Zitiert nach: Webseite des Max Reger-Instituts in Karlsruhe (www.max-reger institut.de)

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