Der Prospekt: Die Schauseite der Orgel 

An unserem nächsten Anlass am 27. April geht es für einmal um das Anschauliche: Der Orgelbauer Matthias Hugentobler wird in einem Vortrag die historische Entwicklung der Prospektgestaltung beleuchten. Die Skizze oben zeigt die Stellwagen-Orgel (1653) in St. Marien in Stralsund, die in der vertikalen Achse die Verbindung von himmlischer und irdischer Musik darstellt – zwei Engel und König David in der Mitte.


Einladung ins Kirchgemeindehaus St. Georgen
Gerne lade ich Sie nun herzlich ein auf den Freitag, 27. April 2018, 19.30 Uhr ins Kirchgemeindehaus St. Georgen: Matthias Hugentobler, Orgelbauer bei Kuhn (Männedorf), wird uns unter dem Titel Prospektentwicklung im Laufe der Zeit die Geschichte des sichtbaren Teils des Orgelbaus etwas näherbringen. In einem nachfolgenden Textbeitrag führt Sie Matthias Hugentobler bereits etwas an das Thema heran. Musikalisch umrahmt wird der Abend durch Bernhard Ruchti auf der Wurlitzer-Orgel und meine Wenigkeit am Drumset. Wir werden Sie mit einigen Musikstücken aus der Blütezeit der Kinoorgel zu überraschen versuchen. Die Wurlitzer-Orgel ist wohl der einzige Orgeltypus, der keinen Prospekt besitzt, und stellt gewissermassen ein Extrembeispiel zum Thema des Abends dar. 

Und nun wünsche ich Ihnen einen schönen Frühling und freue mich darauf, Sie jeweils an unseren Anlässen begrüssen zu dürfen!  

Freundliche Grüsse 
Hans Peter Völkle


Barocke Pracht: Orgel von Josef Gabler von 1729 in der Klosterkirche St. Georg in Ochsenhausen

«Was dem Auge am wenigsten Mühe macht wird als das Schönste empfunden»

 Prospektgestaltung im Wandel der Zeit 

Matthias Hugentobler 

Wie kaum ein anderes Instrument richtet sich die Orgel nicht ausschliesslich mit ihrer klanglichen Aussage an uns, sondern spricht ganz direkt auch unsere optischen Sinne an. Diese Wahrnehmung von Orgel mischt sich zuweilen bewusst oder unbewusst in den erlebten Gesamteindruck von Orgelmusik oder in ein Raumerlebnis ganz allgemein. Die Möglichkeiten, ein Musikinstrument gestalterisch im Raum zu integrieren, regten die kreativen Sinne der Orgelbauer seit Jahrhunderten und bis heute an. Das äussere Erscheinungsbild der Orgel – der Prospekt eben – veränderte sich meist parallel mit den stilistischen und auch musikalischen Entwicklungen der Kunstgeschichte. Es entstanden dabei im europäischen Raum regional sehr eigene und ausgeprägt charakteristische Entwicklungslinien, die sich in jüngerer Zeit auch zu vermischen begonnen haben. Die Orgel kann dabei als «instrumentales Möbelstück» verstanden werden, oder aber auch Teil der Gebäudearchitektur werden und so optisch als Zusammenschluss von Gebäude und Orgel wahrgenommen werden.


Expressive Modernität: Die Orgel in der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles
von 2003 ist ein Projekt von Glatter-Götz, den Prospekt entwarf Frank Gehry.

Die Veränderungen in der äusseren Gestaltung der Orgel sind so vielfältig wie die musikalischen Entwicklungen in der Orgelmusik. Orgelbautechnische Innovationen und Neuerfindungen brachten immer wieder neue Möglichkeiten, welche sich im Äusseren deutlich bemerkbar machten. An der optischen Prominenz lässt sich oft auch die jeweilige Bedeutung der Orgelmusik ablesen.  
Die Seite zum Anschauen Unter Prospekt (lat. prospektus) verstehen wir die gestaltete Schauseite einer Orgel. Jene Teile, welche für die Betrachtung von aussen bestimmt sind. Beherrschendes Element sind dabei die Prospektpfeifen, die durch ihre Anordnung die äussere Form eines Orgelgehäuses oder einer Orgelfront bestimmen. Ergänzt durch Schnitzwerk, Gesprenge, ornamentalische Elemente und Figuren sowie auch der «Fassung» (Bemalung / farbliche Gestaltung), entsteht oftmals ein Gesamtkunstwerk, welche auch verschiedene Handwerkskunst in sich vereint.  Grund genug, unser «Augen-Merk» für einmal etwas von der musikalischklanglichen Ebene hin zum Optischen zu lenken. 

Redaktionskommission: Eva Bachmann, Bernhard Ruchti, Hans Peter Völkle 
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