Ann-Helena Schlüter: deutsch-schwedische Organistin und Komponistin – und auch Lyrikerin. 
Foto: Viktor Schwabenland


Frauen an der Orgel:
Imelda Natter spielt Werke von Komponistinnen

Unser Konzert am 5. November an den Orgeln der Kathedrale St.Gallen steht ganz im Zeichen der Frauen: Die St.Galler Organistin Imelda Natter hat ein Programm mit Werken von komponierenden Frauen zusammen­gestellt. Zu hören sein werden Stücke im Alter von 251 Jahren bis in die neuste Zeit – «Pandemic Dance» von Ann-Helena Schlüter etwa ist noch kein Jahr alt. Die Namen der Komponistinnen sind wenig bekannt, es gibt also viel musikalisches Neuland zu entdecken.


Liebe Orgelfreundinnen und Orgelfreunde

Nach einem halben Jahr «Abstinenz» war unser erstes Konzert ein maximaler Genuss: Die Minimal-Music-Werke, die wir, durch Bernhard Ruchti meisterhaft eingeführt und interpretiert, in der Laurenzenkirche erleben durften, waren ganz einfach grossartig! Wir alle fühlten uns danach echt «tiefenentspannt», verursacht durch den ruhigen, beinahe meditativen Fluss der Musik von Arvo Pärt und Philip Glass. Werke, die man sehr selten zu hören bekommt, und die – vor allem beim Glass – vom Interpreten Höchstleistungen erfordern. Der Spieltisch war denn auch entsprechend beeindruckend mit Notenblättern verkleistert. (s. Bild)

Bernhard Ruchti an der Laurenzenorgel mit Philip Glass‘ «Dance No. 4».
Foto: Hans Peter Völkle


Jetzt steht der nächste, spannende Anlass – leider auch bereits der letzte dieses Jahres – vor der Tür. Ich darf Sie herzlich einladen am

Donnerstag, 5. November 2020, um 19.30 Uhr, 
in die Kathedrale St.Gallen, Beginn bei der Chororgel

«frauenkomponiert»
mit Imelda Natter


Wir werden an diesem Abend ausschliesslich Werke von Komponistinnen hören, interpretiert sowohl an der Chor- als auch an der Hauptorgel der Kathedrale durch unser Mitglied Imelda Natter – also auch «frauen­interpretiert». Imelda führt Sie mit dem nachfolgenden Text in den Abend ein. Auch bei diesem Anlass werden wir selbstverständlich darum besorgt sein, dass die Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden, so dass Sie keiner Gefahr ausgesetzt sein werden.


Neues Erscheinungsbild

Die Meinungsumfrage zum neuen Erscheinungsbild traf auf grosses Interesse: Über 60 Rückmeldungen durfte ich in Empfang nehmen. Dies bedeutet, dass weit mehr als die Hälfte der angeschriebenen Adressaten geantwortet hat! Besten Dank für Ihr grosses Interesse und Ihre aktive Teilnahme. Speziell verdanken möchte ich die zahl- und hilfreichen Kommentare und Tipps, die Sie verfasst haben!

Die Auswertung ergab das folgende Bild (Zahlen inklusive Mehrfach­nennungen):

Variante 1a: 3 Variante 1b: 19 total: 22

Variante 2a: 7 Variante 2b: 7 total: 14

Variante 3a: 13 Variante 3b: 21 total: 34

Der Vorstand hat sich nun dazu entschieden, die Variante 3b weiter zu verfolgen und ausarbeiten zu lassen. Der Grafiker wurde umgehend damit beauftragt. Über die weitere Entwicklung werde ich Sie gerne auf dem Laufenden halten.


Jahresversammlung 2021

Unsere reguläre Jahresversammlung wird am Mittwoch, 3. März 2021, um 19.00 Uhr in St. Mangen stattfinden. Darf ich Sie bitten, diesen Termin zu reservieren? Die Einladung und Detailinformationen werden Sie im Februar 2021 erhalten.

Ich freue mich sehr darauf, Sie am 5. November in der Kathedrale willkommen zu heissen und wünsche Ihnen allen von Herzen schöne Herbsttage.

Freundliche Grüsse

Hans Peter Völkle
Präsident OFSG


Eine unendliche Frauen-Geschichte...

Ein Konzertprogramm mit Orgelwerken, die allesamt von Frauen komponiert wurden: Imelda Natter hat diese Idee aufgenommen, ist in die Archive gestiegen und hat Nachforschungen angestellt. Das Resultat können Sie am 5. November in der Kathedrale St.Gallen hören.

Vorab einige Gedanken zum Programm.

von Imelda Natter

Erst im Laufe der Recherche zum Thema «Orgelwerke von Komponist­innen» wird mir bewusst, welchen herausfordernden Auftrag ich ange­nommen hatte: die Recherche für ein Konzertprogramm, das ausschliess­lich «frauenkomponierte» Werke enthält. Ausgehend von ein paar wenigen, mir bekannten Notenausgaben machte ich mich auf die weitere Suche und wurde fündig; mehr noch, ich wurde überrascht, um nicht zu sagen überwältigt von unzählbar vielen Werken, die aus Frauenhand stammen. Dabei habe ich nur das vergleichsweise kleine Gebiet der Orgelmusik angeschaut und mir beinahe jeden Einblick in andere «instru­mentale Gegenden» verwehrt. Schliesslich sollte ich von meiner Expedi­tion rechtzeitig zurückkommen und dem Verein der St.Galler Orgelfreunde einen Rucksack voll interessanter Musik mitbringen.

Bloss: Wie würde ich einen Weg finden durch den überaus dichten Wald des kompositorischen Schaffens von Frauen? Wie nur würde ich der Ver­suchung widerstehen, vom Hundertsten ins Tausendste zu geraten, und das wörtlich genommen! Es gibt nicht nur hunderte von frauen-gemachten Kompositionen, es gibt vermutlich tausende!


Viel unbekanntes Land

Und es gibt auch sie: die Verlage, die ihre Werke verlegen und Pro­grammgestaltende, die ein Auge auf Komponistinnen werfen. Es gibt Festivals, Foren und Filme – allesamt frauenbewegt. Oder anders gesagt: Es gibt sie, die veröffentlichten und die verunmöglichten Werke von Frauen, die vereinten Kräfte rund um Frauen und die Vorbehalte ihrem Schaffen gegenüber. Es gibt Spannungen, die nicht zu leugnen sind, und Spannungen, die Lust machen, sich auf den Weg zu begeben, ob in Richtung Archiv oder Konzert, in Rich­tung Komponieren, Hören oder Musizieren. Die Wege in die Welt der frauen­komponierten Musik sind zahlreich und laden ein in noch viel unbekanntes Land. Im November-Konzert kommt der musikalische Wind beispielsweise aus Österreich und Schweden, aus Italien und Deutschland sowie aus Frankreich und Lettland.

Von meiner Recherche im Internet über Gespräche mit Kollegen, von Kontakten mit Komponistinnen in Amerika über Anfragen im Notenarchiv in Schweden, vom Durchblättern des Gesangbuches der Kirchen über Auskünfte im Notengeschäft, von Hörbeispielen über Radiosendungen ist nun ein Programm entstanden, das acht Tropfen auf den heissen Stein von frauenkomponierten Orgelwerken fallen lässt.

Das Programm umfasst Werke im Alter zwischen 251 Jahren und weniger als 1 Jahr, Titel wie «La vergine del silenzio» oder «Pandemic Dance», Namen wie Marianne, Elfrida, Ann-Helena, Carlotta, Dorothea, Marie-Bernadette, Dzintra und Maija oder anders gesagt: Orgelwerke von Frau Martinez, Frau Andrée, Frau Schlüter, Ferrari, Hofmann, Dufourcet, Kurme-Gedroica und Einfelde.


Nahaufnahmen: zwei Komponistinnen

Marianne de Martinez, 1744 in Wien geboren, wo sie auch starb, wurde 68

Jahre alt. Unter der geistigen Führung des Dichters Pietro Metastasio, unter Joseph Haydns Klavier­unterricht und Porporas Gesangsunterweisung gelangte die junge Marianne bald zu erstaunlichem Niveau. Kurze Zeit später wurde sie zur Attraktion des Wiener Salons, und mit sechzehn Jahren fand in der Wiener Michaeler Kirche die Uraufführung ihrer ersten Messe statt. Marianne entwi­ckelte sich zur Kompo­nistin des Oratorien­fachs, sie ist sehr früh zum Ehrenmitglied der Accademia Filarmaonica di Bologna ernannt worden und erhielt sogar ein Ehrendoktorat der Universität Padua, was selbst Mozart versagt blieb! Gleichzeitig wachte Metastasio über Mari­anne und liess keinerlei Kontakt zu führenden Persönlichkeiten der Wiener Klassik zu, ebensowenig ein Abweichen vom musikalisch-dramatischen Konzept der «Opera Seria».

Marianne de Martinez gründete eine Musikschule, und ihr Salon war ein wichtiger Bestandteil des Wiener Musiklebens. Ihr Werk umfasst Klavier­sonaten, Messen, Litaneien, Oratorien und Klavierkonzerte. Die Klavier­sonaten, aus denen jene in G-Dur auf dem Programm steht, lässt sich sowohl auf dem Cembalo wie auch auf der Orgel spielen.

Als Metastasio, der um 40 Jahre ältere Gönner und Liebhaber, stirbt, vermacht er sein enormes Vermögen Marianne und ihren Geschwistern. Diese führen ein grosses Haus, und mindestens einmal wöchentlich trifft sich alles, was in Wien Rang und Namen hat, bei Martinez’, darunter sehr oft auch Haydn und Mozart …


Werke von Mozart, Beethoven und weiteren Vertretern der sog. klassi­schen Musik zu vermitteln, im besonderen Masse Kindern und Jugend­lichen, ist eines der Anliegen der deutsch-schwedischen Komponistin Ann-Helena Schlüter (Foto auf dem Titel), 1986 geboren. Buchtitel wie «Das Demutsprinzip in Bachs Musik und die Wirkung der Kunst der Fuge im Erstkontakt mit Jugendlichen» oder «Piano-Lyrik», weiters zahl­reiche Konzerte als Pianistin und Organistin, Kompositionen und CD-Auf­nahmen, musik­wissenschaftliche Studien sowie lyrische Texte zeugen von ihrer mehr­fachen Begabung. In einer Pianistenfamilie in Nürnberg aufgewachsen, studierte Schlüter bei Anatol Ugorski und absolvierte ihr künstlerisches Diplom und Konzertexamen bei Bernd Glemser. Schliess­lich studierte sie an der Arizona State University in Phoenix, USA. Sie hat zahlreiche Wettbewerbe gewonnen und konzertiert international. Eines ihrer Orgel­werke nimmt mit dem Titel «Pandemic Dance» Bezug zur aktuellen Lage und fasst diese in Musik und Wort:


Runde Welt ist müde

und kein Ende des Todes

Eine Wunde noch kopflos


Vollvirus

Doch du bist Himmel

Ann-Helena Schlüter

Die Beweggründe zu komponieren wie auch die Beweggründe zuzuhören sind vielfältig: Das eine Mal sind es schlicht Spiel und Freude, ein anderes Mal Bedürfnis nach Stille, manchmal Glaube und Krise und dann wieder Hoffnung, die Sagbares und Unsagbares in Klang hüllt.

Lassen Sie sich herzlich einladen auf den Hör-Weg in eine unendliche Geschichte zu «Frau und Orgel» – mit einem ersten Schritt im Konzert am Donnerstag, 5. November 2020, 19.30 Uhr, in der Kathedrale St. Gallen.


Handschrift einer Komposition für Orgel von Elfrida Andrée (1841-1929)


Konzertkalender

5.11.2020, 19.30 Uhr, Stadtkirche Winterthur, Orgelherbst-Konzert von Dominik Wörner (Bassbariton und Orgel) und Tobias Frankenreiter (Orgel) und Werken von Mendelssohn, Rudolf Lutz, Brahms und Mozart (Fantasie für Orgel vierhändig) – www.musik-stadtkirche-winterthur.ch

8.11.2020, 17 Uhr, Klosterkirche Neu St.Johann, Konzerte für Trompete und Orgel, mit Christina Goldstein (Trompete) und Michael Risch (Orgel) und Werken von Domenico Gabrielli und Jeremiah Clarke, Valentin Rathgeber, J.S. Bach,
J.L. Krebs und Josef Rheinberger – www.nsjkonzerte.ch

8.11.2020, 17.15 Uhr, Evang.-ref. Kirche Weinfelden, Orgelkonzert für Kinder mit Daniel Walder (Orgel) und Regina Baumann (Erzählerin)

15.11.2020, 17 Uhr, Herz-Jesu-Kirche Bregenz, Festkonzert zur Orgelweihe mit Helmut Binder – https://musik-in-herz-jesu.jimdosite.com/
Die grosse Orgel der Herz-Jesu-Kirche wurde 1931 von der Schwarzacher Orgelbaufirma Josef Behmann errichtet und 2020 von Rieger Orgelbau renoviert.

31.12.2020, 22 Uhr, Kathedrale St.Gallen, Organ Fireworks – Festliche Orgelmusik zur Jahreswende mit Willibald Guggenmos

3.1.2021, 14.15 bis 17.45 Uhr, Wil, Orgelspaziergang zur Weihnachtszeit mit Kurz-konzerten in verschiedenen Kirchen – www.toccatawil.ch

3.1.2021, 17.15 Uhr, evang. Kirche, 18 Uhr kath. Kirche Weinfelden, Orgelspaziergang zum Neujahr mit zwei kurzen Konzerten von Daniel Walder und Eun Hye Lee

weitere Konzerte auf www.ofsg.org



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