Franz Liszt (1811–1886)
Zum dritten Mal: B-A-C-H

Das B-A-C-H-Motiv in grossen romantischen Orgelwerken: Nach Robert Schumann und Max Reger rückt Bernhard Ruchti in seinem dritten Vortrag nun Franz Liszt ins Zentrum. Das Präludium mit Fuge entstand in den Jahren 1855/56 und ist in seiner Entstehungsgeschichte eng mit der Ladegast-Orgel in Merseburg verknüpft. Das Instrument ermöglichte eine für die damalige Zeit unerhörte Sinfonik. Mehr dazu in diesem Bulletin und am 12. Juni im Linsebühl.

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Liebe Orgelfreundinnen,
liebe Orgelfreunde 

Da unser Präsident Hans Peter Völkle sich einem medizinischen Eingriff unterziehen musste, übernehme ich die schöne Pflicht, Sie zu Beginn dieses Bulletins zu begrüssen! Hans Peter Völkle befindet sich auf dem Weg der Besserung, wird jedoch noch einige Zeit dem Aufbau seiner Kräfte widmen.


Der Organist Tobias Willi (links) und der Orgelbauer Simon Hebeisen am Spieltisch.Foto: Karl Lassauer

Ein rundum gelungener erster Anlass liegt in diesem Vereinsjahr bereits hinter uns. Am 25. April fand sich die erfreuliche Anzahl von rund 60 Mit­gliedern unseres Vereins in der Kirche Feld in Flawil – die Sitzplätze auf der eigentlich geräumigen Empore wurden knapp. Der Kirchenbau des Architekten Karl Moser ist ein Gesamtkunstwerk des Jugendstils, in das von Anfang an auch die Orgel integriert war. Das dreimanualige Instru­ment wurde 1911 von Goll-Orgelbau realisiert und letztes Jahr aufwendig restauriert. Orgelbauer Simon Hebeisen führte uns in fundierter und abwechslungsreicher Weise in die Geschichte des Instrumentes ein und bezog dabei auch architektonische Fragen rund um die Flawiler Kirche ein. Ebenso ging er auf die Aspekte der Restauration und die besonderen Herausforderungen ein, die sich bei einem pneumatischen Instrument stellen. Dass die Restauration glänzend gelungen ist, wurde im Spiel von Tobias Willi hör- und erlebbar: Von der gewaltig vibrierenden Posaune im Pedal bis zur ätherisch leisen Vox Humana erklang das ganze Spektrum sinfonischer Orgelmusik. 

Nach dem Anlass versammelten sich noch etwa 20 OrgelfreundInnen in einem nahegelegenen Restaurant, um den Abend zusammen mit den beiden Referenten bei Speis und Trank ausklingen zu lassen. Wir führten dieses Après-Concert zum ersten Mal in der Form durch, und für mein Gefühl hat sich die Idee als sehr sympathisch erwiesen. 

Und nun steht bereits unser zweiter Anlass bevor: 

Mittwoch, 12. Juni 2019, 19.30 Uhr, Kirche Linsebühl
Franz Liszt: Präludium und Fuge über B-A-C-H (1855/56)


Es wird unser dritter Abend um das Thema B-A-C-H sein. Nachdem 2017 Robert Schumann und 2018 Max Reger an der Reihe waren, steht in diesem Jahr nun Franz Liszt im Zentrum. Die entsprechende Einführung findet sich auf den folgenden Seiten. 

Ebenfalls finden Sie im Bulletin die Einladung zur diesjährigen Orgelfahrt. Am Samstag, 21. September 2019, fahren wir nach Bern (für einmal mit dem Zug). Die Orgelfahrt verspricht ein ganz besonderes Musikerlebnis zu werden, in dessen Mittelpunkt der winddynamische Klang der Orgel steht. Das detaillierte Programm finden Sie auf Seite 10. Ihre Anmeldung erwarten wir gern bis 14. Juli. 

Im Namen des Vorstands lade ich Sie herzlich zu den bevorstehenden Veranstaltungen ein und freue mich, Sie dort zu sehen. 

Freundliche Grüsse
Bernhard Ruchti

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Dritter Teil der B-A-C-H-Trilogie:
Franz Liszt

von Bernhard Ruchti 

Franz Liszt (1811–1886) ist eine der schillerndsten und einflussreichsten Gestalten im Musikleben des 19. Jahrhunderts: als Pianist weltberühmt, als Komponist bahnbrechend und umstritten, als Dirigent wegweisend. Dass er auch hinsichtlich der Orgelmusik Massgebliches geleistet hat, ist weniger bekannt, darf aber in seinem Einfluss nicht unterschätzt werden. 

Obgleich Liszts Interesse am Instrument Orgel seit seiner Jugendzeit überliefert ist, schrieb er sein erstes Orgelwerk erst im Jahr 1850. Dafür aber wurde es eines seiner grössten Werke überhaupt und ein Stück, das spätere Komponisten wie César Franck oder Max Reger nachweislich inspiriert hat. Die Rede ist von der Fantasie und Fuge über «Ad nos, ad salutarem undam» – ein monumentales Werk über ein einziges Thema. Dass dieses Thema einer Oper entstammte, nämlich der damals enorm erfolgreichen «Le Prophète» von Giaccomo Meyerbeer, war ebenso ungewöhnlich wie die spektakulären Ausmasse, die im damaligen Orgel­repertoire einmalig dastanden: 45 Minuten. Das Werk erregte grosses Interesse, musste jedoch noch ganze fünf Jahre warten, bis es vor einer breiteren Öffentlichkeit konzertant aufgeführt wurde. 


Zur Einweihung der Merseburger Orgel 

Liszt, der in den 1850er-Jahren unter anderem in Weimar wohnte, freun­dete sich mit verschiedenen Organisten aus der Umgebung an, unter anderem auch mit dem Organisten am Merseburger Dom, Heinrich David Engel. Als dort im September 1855 die neue, viermanualige Domorgel von Orgelbauer Friedrich Ladegast eingeweiht werden sollte, war Liszt von Anfang an involviert. Er plante, für die prominente Gelegenheit ein neues Werk zu schreiben, das eine Hommage an einen der grössten Orgelkomponisten werden sollte: Johann Sebastian Bach. Jedoch wurden dieses Präludium und die Fuge über B-A-C-H nicht rechtzeitig fertig, und so war es «Ad Nos», das am Merseburger Einweihungskonzert gespielt wurde.
Die Ladegast-Orgel in Merseburg
Jedoch dauerte es nur wenige Monate, bis am 13. Mai 1856 ebenfalls in Merseburg die Première von Präludium und Fuge über B-A-C-H stattfand. Das Stück wurde als ebenso monumental empfunden und festigte Liszts Ruf als Orgelkomponisten. 

Überblickt man «Ad Nos» und «B-A-C-H» hinsichtlich ihres Stils, so wird sichtbar, worin Liszts grosse Leistung bestand. Zum ersten Mal wurden die technischen Möglichkeiten der Pianistik und der Gestus der hoch­romantischen Sinfonik in dieser Weise auf die Orgel übertragen. Was daraus entstand, war in der Tat etwas Ausser-Ordentliches, das mit her­kömmlicher Kirchenmusik nur noch wenig zu tun hatte. Viel Kritik musste Liszt denn auch aus Organistenkreisen erfahren, die seine Musik für unkirchlich hielten. Lob gab es dahingegen vor allen Dingen von Seiten der progressiven Musikrichtungen im 19. Jahrhundert. Nach und nach wurden beide Werke zum Bestandteil des Konzertrepertoires, möglicher­weise «B-A-C-H» aufgrund seines geringeren Umfanges noch vor «Ad Nos».
Alexander Winterberger
(1834–1914)
Ein wichtiger Name sowohl im Zusammenhang mit «Ad Nos» wie auch mit «B-A-C-H» ist Alexander Winterberger. Er war ein Schüler von Liszt in Weimar und wandte sich schon als junger Mensch mit Interesse auch der Orgel zu. Liszt begann unmittelbar nach der Veröffentlichung von «Ad Nos» eine regelmässige Zusammenarbeit mit ihm. Die Uraufführung von «B-A-C-H» im Merseburger Dom wurde denn auch von Winterberger be­stritten. Da die intensive Zusammenarbeit mit Liszt dokumentiert ist, können Winterbergers Interpretationen als stilbildend und im Einklang mit den Ideen Liszts betrachtet werden. Dies macht die überlieferten Hin­weise zu Stil und Vortragsweise für die Interpretation sehr wertvoll. Kurz nach den Merseburger Konzerten führte Winterberger zudem eine Tournée durch Holland durch, die ihm grossen Erfolg eintrug und Liszts Werke in grösserem Rahmen bekannt machte.

Anfang des Präludiums

Das Stück selbst fokussiert vom ersten Moment an auf die Tonfolge B-A-C-H, die einstimmig in einer Art Pedaltriller in voller Registrierung eingefügt wird. Präludium und Fuge loten gleichermassen die harmoni­schen Möglichkeiten des chromatischen Themas aus und sparen dabei nicht mit kraftvollen und virtuosen Passagen. Besonders berühmt ist der Schluss, wo der denkbar grösste Klangkontrast Hand in Hand mit einer unübertrefflichen hochromantischen Harmonisierung auftritt. Als meister­haft fällt auch der Anfang der Fuge ins Auge bzw. ins Ohr, wo sich inten­sive Chromatik mit Seufzermotiven und mehrdeutigen harmonischen Fort­schreitungen mischt. Die Klangentwicklung in der Fuge ist sehr reich­haltig, und verschiedene Varianten der Artikulation vom Legatissimo bis hin zum rhythmischen Staccato tragen das ihrige zu einem hochvirtuosen Stil bei. 


Vortrag und Konzert
Bei dem Anlass am 12. Juni wird es einerseits um die Ereignisse rund um die Merseburger Orgel in den Jahren 1855 und 1856 gehen, um die Be­deutung und die Stellung von Liszt innerhalb der Orgelmusik, sowie um das Werk selbst. Präludium und Fuge über B-A-C-H bietet sich für eine genauere Analyse geradezu an, da es farbig und anschaulich die ver­schiedenen Variationsmöglichkeiten zeigt, die bei einem solchen Thema bestehen. Ebenfalls beschäftigen werden uns Aspekte der Aufführungs­praxis und des Stils – und des Tempos. Und natürlich wird das Stück abschliessend in voller Länge gespielt, zusammen mit Bach-Bearbei­tungen von Liszt, die den Bogen vom Vorbild über die Bearbeitung bis hin zur Hommage schlagen. 

Mittwoch, 12. Juni, 19.30 Uhr, Kirche Linsebühl, St.Gallen (Dauer ca. 1 Stunde),
anschliessend Après-Concert. 


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Einladung zur Orgelfahrt 2019

Mit dem Thema «Winddynamik» steht den St.Galler Orgelfreunden eine ganz besondere Orgelfahrt nach Bern bevor. Einerseits geht es um ein traditionelles und zu Unrecht verkanntes Instrument: das Harmonium –andererseits um moderne und auch ein bisschen kühne Klangforschung von Ingenieuren und Instrumentenbauern: die «winddynamische Orgel» im Münster Bern. Mit dem Harmonium-Fan Marc Fitze, dem Musikwissen­schaftler Peter Kraut und dem Organisten Samuel Cosanday werden ausgewiesene Experten referieren. Und es gibt ein Wiederhören mit einem alten Bekannten: Jürg Brunner wird das Konzert in der Französi­schen Kirche spielen. 

Die Orgelfahrt findet am Samstag, 21. September 2019, statt. Ich freue mich sehr, Sie dazu ganz herzlich einzuladen und Ihnen das genauere Programm vorzustellen. Die detaillierten Informationen zu den einzelnen Orgeln werden Sie in der nächsten Ausgabe Mitte August lesen können. 

Da wir dieses Jahr nicht mit dem Car, sondern mit dem Zug reisen werden, fallen keine Kostenbeteiligungen für den Car an. Erfahrungs­gemäss steigen nicht alle TeilnehmerInnen in St.Gallen zu. Aus diesem Grund schien es uns nicht sinnvoll, ein Kollektiv-Billett zu organisieren. Das bedeutet, dass alle Mitreisenden ihr Bahnbillett selbst kaufen müssen. Am günstigsten ist es, wenn Sie sich frühzeitig eine verbilligte Tageskarte besorgen. Wir werden aber im Zug die nötigen Plätze reser­vieren, damit wir doch als Gruppe zusammen reisen können. 

Auch dieses Jahr werden wir die Kosten für das Mittagessen inklusive Mineralwasser und Kaffee im Voraus einziehen. So sind am Tisch dann nur noch persönliche Extras wie z.B. Wein zu begleichen. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir dieses Jahr das Mittagessen ohne Stress geniessen können. Das Restaurant «Schmiedstube» ist bestens gerüstet für die Verpflegung von Gruppen. 

Diese beiden Menüs stehen zur Auswahl:
Spätsommerlicher Blattsalat mit Mozzarellaperlen
Fleisch:
Kalbsragout an Weissweinsauce
auf Kräuterspätzli
Zucchettigemüse
Vegi:
Proseccorisotto
mit Hobelkäserollen
und konfierten Kirschtomaten
inkl. Mineralwasser und Kaffee
Fr. 36.-
Fr. 28.-

Programm

08.25 Uhr

St. Gallen Bahnhof SBB: Fahrt mit dem IC1 nach Bern Abfahrt 08.25 Uhr, Ankunft 10.28 Uhr

Zu Fuss zum Berner Münster ca. 8 Min.
11.00 Uhr
Berner Münster: Demonstration der winddynamischen Forschungsorgel durch Peter Kraut (Erläuterungen) und Samuel Cosanday (Orgel)
Zu Fuss zum Restaurant «Schmiedstube» ca. 8 Min.
12.15 Uhr
Mittagessen im Restaurant «Schmiedstube»
Zu Fuss zur Heiliggeistkirche ca. 10 Min.
14.10 Uhr
Heiliggeistkirche: Das Harmonium in verschiedenen Ausführungen, vorgestellt von Marc Fitze
Zu Fuss zur Französischen Kirche ca. 10 Min.
16.10 Uhr
Französische Kirche: Konzert auf der romantischen Orgel mit Jürg Brunner
Zu Fuss zu Bahnhof ca. 10 Min.
17.32 Uhr
Bern Bahnhof SBB: Rückreise nach St. Gallen Abfahrt 17.32 Uhr, Ankunft 19.35 Uhr

Das Anmeldeformular finden Sie als Beilage zu diesem Bulletin. Gerne bitte ich Sie, dieses ausgefüllt per Post oder Mail zu senden an

Karl Lassauer, Obere Reherstrasse 15, 9016 St. Gallen
karl@lassauer.ch
oder mir am 12. Juni in der Linsebühl-Kirche gleich zu übergeben.
Anmeldeschluss ist am 14. Juli 2019. Bitte überweisen Sie die Verpflegungskosten gemäss Ihrer Anmeldung. Ich bin Ihnen sehr dankbar, wenn Sie die Ein­zahlung mit dem Vermerk «Orgelfahrt 2019» sowie der Anzahl angemeldeter Personen versehen.

Zur Orgelfahrt sind auch die Mitglieder des Kirchenmusikverbandes der Kantone St.Gallen und Appenzell (KMV) herzlich eingeladen. Ebenfalls freuen wir uns, wenn Sie Gäste zur Orgelfahrt mitbringen. Gäste bezahlen wie gewohnt einen zusätzlichen Unkostenbeitrag von Fr. 50.-. Dieser Betrag kann vor Ort oder per Einzahlungsschein beglichen werden.

Wir würden uns über Ihre Teilnahme sehr freuen!

Karl Lassauer


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Positiver Entscheid für
ein wegweisendes Orgelprojekt

In der ev.-ref. Stadtkirche St. Laurenzen in St.Gallen wird ein grosses Orgelprojekt realisiert werden. Das von Bernhard Ruchti entwickelte Konzept behält die Kuhn-Orgel von 1979 klanglich unverändert bei, integriert sie jedoch in eine neue Klangarchitektur. Diese besteht aus drei zusätzlichen, neuen Pfeifenstandorten, die auf den drei Emporen der Kirche definiert werden und den drei Hauptklangfarben der Orgel ent­sprechen: ein Prinzipalwerk auf der Westempore, ein Flötenwerk auf der Südempore und ein Streicherwerk auf der Nordempore. Insbesondere das Prinzipalwerk soll den in der Kirche generell schwachen Bassbereich ausgleichen. Das Gesamtensemble wird über einen neuen elektrischen und mobilen Generalspieltisch im vorderen Bereich der Kirche spielbar sein. 


In einem aufwändigen Auswahlverfahren wurden 3 prominente Orgel­baufirmen um Offerten gebeten. Nach reiflicher Prüfung fiel der Entscheid zugunsten von Orgelbau Goll in Luzern. 


Am 28. April 2019 hat die Kirchbürgerversammlung der ev.-ref. Kirch­gemeinde St. Gallen Centrum der beantragten Defizitgarantie mit 90%iger Mehrheit zugestimmt. Die restlichen Gelder werden durch Sponsoren erbracht.



Impressum

St. Galler Orgelfreunde: www.ofsg.org

Redaktionskommission: Eva Bachmann, Bernhard Ruchti, Hans Peter Völkle

Sekretariat: Eva Bachmann, Magnihalden 8, 9000 St.Gallen
sekretariat@ofsg.org, 071 244 87 13

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