Prototyp III der winddynamischen Orgel im Münster.

Eine Reise zum Wind
Unsere bevorstehende Orgelfahrt steht ganz im Zeichen des Winds: Bei der winddynamischen Forschungsorgel geht es um das Erkunden von Neuland, beim Harmonium hingegen um das Wiederentdecken alter Traditionen. Erste Einblicke in diese spannenden Themen geben die Artikel in diesem Bulletin, mehr dazu am 21. September in Bern.
Liebe Orgelfreundinnen und Orgelfreunde
Ich glaube, die diesjährige Orgelfahrt nach Bern wird ein echter Knüller! Die hochinteressante Frage, wie sich winddynamische Veränderungen auf das Klangspektrum einer Orgel oder eines Harmoniums auswirken können, wird uns dabei intensiv beschäftigen.
Die erste Station: Die Forschungsorgel (Prototyp III) im Berner Münster. Anlässlich eines Treffens im März 2019 mit Daniel Glaus, Hauptorganist am Berner Münster, erhielt ich Gelegenheit, dieses Instrument kurz de­monstriert zu bekommen. Es war absolut faszinierend, zu hören, was für Klänge, ja gar Windgeräusche aus diesem Instrument hervorgezaubert werden können! Daniel Glaus selber werden wir allerdings nicht antreffen, denn er gibt zum gleichen Zeitpunkt ein Konzert in der St. Pauls Cathedral in London. Wir werden trotzdem eine äusserst kompetente Vorführung er­halten. Peter Kraut, Dozent an der Berner Hochschule der Künste und Mitentwickler der Versuchsorgel sowie Herausgeber eines Buches über die Geschichte dieser Orgel, wird uns das Instrument erläutern. Vorführen und bespielen wird die Orgel Samuel Cosandey, u.a. Titularorganist am Temple de Fribourg sowie 2019 Gewinner des Wettbewerbs der «Stifts­musik Stuttgart». Weitere Hinweise zur winddynamischen Versuchsorgel finden Sie in Bernhard Ruchtis Artikel in diesem Bulletin sowie auf der Website des Orgelbauers, http://kraul.org/INNOV-ORGAN-UM.html.
Nach dem Mittagessen im Restaurant «Schmiedstube» geht es nicht weniger spannend weiter: Marc Fitze, Organist an der Heiliggeistkirche in Bern, wird uns die Welt der Harmonien näherbringen. Wie faszinierend diese Instrumente sein können, lässt nur schon der hochspannende Artikel von Marc Fitze in dieser Ausgabe erahnen.
Und last but not least werden wir ein Konzert auf der schönen Goll-Orgel der Französischen Kirche hören, gespielt durch unser Ehrenmitglied und Gründungspräsident Jürg Brunner. Vor 23 Jahren, am 7. September 1996, besuchten die St.Galler Orgelfreunde bereits einmal diese Orgel. Beachten Sie dazu bitte Franz Lüthis ausführlichen Artikel im Bulletin Nr. 3 des Jahres 1996. (siehe www.ofsg.org)
Das genaue Programm der Orgelfahrt, zu der sich mittlerweile bereits 52 Personen angemeldet haben, finden Sie nachfolgend. Weitere Anmeldun­gen sind jedoch immer noch möglich.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Spätsommer und grüsse Sie herzlich

Hans Peter Völkle, Präsident OFSG
Programm der Orgelfahrt vom Samstag, 21. September 2019

08.25 Uhr
Abfahrt in St.Gallen mit dem IC1 der SBB. Wir treffen uns auf dem Perron. Bitte beachten Sie die Informatio­nen über Lautsprecher betr. unserer Platzreservation.
Zustieg in Winterthur (09.03 Uhr), Flughafen (09.18 Uhr) und Zürich (09.32 Uhr) möglich.
Kaffee und Gipfeli werden unterwegs serviert.
10.28 Uhr
Ankunft in Bern HB. Anschliessend spazieren wir zum Münster, ca. 14 Minuten Gehdistanz.
Wer möchte, kann auch das Tram oder den Bus nehmen (Tram Nr. 7 Richtung Ostring, Bus Nr. 10 Richtung Ostermundigen, Bus Nr. 12 Richtung Zentrum Paul Klee oder Bus Nr. 19 Richtung Elfenau, alle Linien bis Halte­stelle «Zytglogge», dann ca. 300 m Fussweg bis zum Münster).
11.00 Uhr
Berner Münster: Vorführung der winddynamischen Versuchsorgel durch Peter Kraut und Samuel Cosandey.
12.10–13.55
Mittagessen im Restaurant Schmiedstube (1. Stock) Das Restaurant befindet sich vis-à-vis der Franz. Kirche, 68 Gehminuten vom Münster entfernt.
13.55 Uhr
Spaziergang zur Heiliggeistkirche, 8–10 Gehminuten
14.10 Uhr
Heiliggeistkirche: Vorführung diverser Harmonien durch Marc Fitze.
15.50 Uhr
Spaziergang zur Französischen Kirche (8–10 Min.)
16.10 Uhr
Französische Kirche: Konzert auf der Goll-Orgel (1991) durch unser Ehrenmitglied Jürg Brunner.
17.00 Uhr
Spaziergang zum Bahnhof
17.32 Uhr
Rückreise mit dem IC1
19.35 Uhr
Ankunft in St.Gallen

Erste Informationen zu den einzelnen Programmpunkten finden Sie nachstehend.


Daniel Glaus am Spieltisch des Prototyps III im Berner Münster. Bild: Youtube

Die «winddynamische Orgel» im Berner Münster


Bernhard Ruchti

Sie ist eine Pioniertat, die sich zugleich harmonisch in die Geschichte des Orgelbaus seit Jahrhunderten eingliedert: die winddynamische For­schungsorgel, deren Prototyp III im Berner Münster steht. Das Instrument ist Ergebnis einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit den be­stehenden Möglichkeiten, den damit verbundenen Beschränkungen und – als Resultat – dem zu erschliessenden Entwicklungspotenzial der Orgel. Geistiger Vater der winddynamischen Orgel ist der Organist und Kompo­nist Daniel Glaus, der nach seiner Tätigkeit an der Stadtkirche Biel seit 2007 Berner Münsterorganist ist.

Liebe zu jeder individuellen Pfeife
In einem Radiointerview mit SRF2 Kultur vom 19. Dezember 2016 fasst Glaus die Entstehung der winddynamischen Orgel so zusammen:
Als Organist bin ich auf den herkömmlichen Orgeln damit konfrontiert, dass wir eine Art absolutistisches System leben. Ich habe ein Instru­ment, das mit Kippschaltern funktioniert: Ein – Aus. Jede Pfeife hat gerade eine Möglichkeit zu klingen, nicht mehr. Die Pfeifen sind wirklich «Pfeifen» im übertragenen Sinn, werden sozusagen degradiert in ihren Ausdrucksmöglichkeiten zu: eine Farbe, eine Lautstärke – und fertig. Das hat mich immer irgendwo gestört. Das ist eigentlich auch völlig undemokratisch und hat meines Erachtens – wenn wir jetzt die Religion, die christliche Religion wieder aufnehmen – auch nichts mit der Liebe zum Individuum zu tun. Jede Pfeife ist ein Individuum, das gerne sich entfalten möchte und eben nicht darf. Und dort ist der Ansatz dann für diese winddynamische Orgel.

Der Ansatz der winddynamischen Orgel zielt gleichsam auf das Herz der Orgel: auf den Wind. Der sogenannte Winddruck, also das Mass des Druckes, mit dem die Luft in die einzelnen Pfeifen gelangt, ist im tradi­tionellen Orgelbau nicht
Modell des Ventils, das mit einem
Konus geschlossen wird.
Je nach Position dieses Konus
entsteht ein anderer Winddruck. 
Bild: HKB
veränderbar. Zwar gibt es im Laufe der Orgel­geschichte ganz unterschiedlicheStärken dieses Druckes, und auch innerhalb eines Instrumentes können die Drücke je nach Werk oder Register vari­ieren. Jedoch kann der Druck, einmal «gebaut», von den Orgelspielenden nicht mehr individuell beeinflusst werden. Dies ist bei der winddynami­schen Orgel ganz anders. Sowohl durch den Tastendruck wie durch zusätzliche Pedale ist der Winddruck direkt steuer­bar. Dadurch wird es möglich, während des Spielens die Klangfarbe eines Registers bzw. einer einzelnen Pfeife individuell zu verändern, ihre Dynamik zu variieren und so gewissermassen die ganze Bandbreite an Grund- und Ober­tönen zu nutzen, die in einer Pfeife steckt. Sogar Akkorde können ent­stehen, wenn eine Pfeife überbläst und zugleich der Grundton weiterhin mit­klingt.

Dynamisierung des Klangs
Das Bemühen, die Starrheit und Unveränderbarkeit des Orgelklangs zu überwinden und ihn näher an Orchesterinstrumente bzw. an die menschli­che Stimme zu bringen, ist nicht neu. Bereits im 19. Jahrhundert war die Belebung des Orgelklangs ein wichtiges Thema, das unter anderem in der Perfektionierung der Schwellsysteme mündete: In mit Jalousien ausge­statteten Schwell-Werken kann eine feine und stufenlose dynamische Abstufung des Klanges und damit die gewünschte Annäherung an die Dynamik eines Orchesters bewirkt werden. Auch der Gebrauch von Tremulanten, der bereits in Instrumenten der Barockzeit eine wichtige Funktion einnimmt, ist im selben Zusammenhang als Mittel zur «Dynami­sierung» des Orgelklanges anzusehen. Alle diese historischen Mittel tasten jedoch die eigentliche Pfeife noch nicht an; diese bleibt als unver­änderlicher, durch Ventile ein- und ausgeschalteter Klang erhalten.
Die winddynamische Orgel schliesst damit nahtlos an die Geschichte des Orgelbaus an, indem sie die historisch vorhandenen Mittel der Belebung des Orgelklanges auf eine neue Ebene hebt. Die Gesamtdisposition des Instrumentes Orgel, die sich durch Jahrhunderte hindurch entwickelt und im Laufe des 20. Jahrhunderts eine gewisse Kanonisierung erlebt hat, erfährt in der winddynamischen Orgel damit eine wesentliche Weiter­entwicklung.

Entwicklungs-geschichte:Prototyp I (links) und Prototyp II         Bilder: HKB

Der Ansatz, nun den Klang jeder einzelnen Pfeife flexibel zu gestalten, ist radikal und eröffnet grosse Möglichkeiten ebenso wie grosse Heraus­forderungen. In der Spielpraxis äussert sich dies in ganz handfester Weise. In einem Aufsatz «Wünschen, Suchen, Realisieren – ein Erfahrungs- und Spielbericht» über die winddynamische Orgel äussert sich Daniel Glaus zu den praktischen Aspekten wie folgt:
Mit den Errungenschaften von Prototyp II und erst recht von Prototyp III ist das Orgelspiel bedeutend anspruchsvoller und schwieriger ge­worden. Denn: Konnten wir Organisten uns im herkömmlichen, viel­schichtigen, polyphonen Gewebe oft nur (interpretatorisch) behaupten, indem wir die angeschlagenen Tasten einfach nur festhielten, um uns auf die nächsten Artikulationen vorbereiten zu können, so wird uns mit den Prototypen II und III gleichsam der feste Boden unter den Füssen entzogen, weil jeder Tastendruck nun dynamische und klangfarbliche Folgen zeitigt. Im herkömmlichen Orgelspiel wird die ganze Konzen­tration einzig auf den genauesten Zeitpunkt und auf die wohldosierte Art der Tastenbewegung (Pfeifenan- und -absprache) gerichtet. Künftig muss nun auch die Zeitspanne zwischen dem Niederdrücken und Loslassen der Taste kontrolliert und geführt werden. Das heisst: Organistinnen und Organisten müssen gewillt sein, erstens eine voll­kommen neue Technik zu erlernen und zweitens ihr interpretatori­sches Gehör umzuschulen, zu erweitern hin zur direkten Expressivität.

In Bachs «cantabler Art»
In dieser direkten Expressivität sehen sich die Entwickler der winddynami­schen Orgel in direkter Tradition zu Johann Sebastian Bach. Daniel Glaus formuliert dies so:
Bach suchte die «cantable Art, das Clavier zu tractieren». Er fand sie im Clavichord. Vorzugsweise musizierte er (auch die Orgelwerke) auf einem Pedalclavichord, einem sehr flexiblen, feinen Instrument, das eine unmittelbare Expressivität erlaubt durch die Möglichkeit, mit differenzierter Anschlagskultur auch nach der Attacke noch den Klang gestalten zu können: dynamisch, klangfarblich, mit «Bebung» (Vibra­to), mit weichem oder hartem Anschlag die Stimmung beeinflussend. Aus diesem Wissen dringt meine unsichere Frage: Genügte die ab­strakte Orgel den Ansprüchen der «cantablen Art» des Tastenspiels unserem grossen Meister Bach tatsächlich? Oder hätte er sich allen­falls gewünscht, auch mit der Orgeltaste auf den Klang einwirken zu können? Ich möchte Bach posthum eine ihm angemessene «Clavi­chord-Orgel» zur Verfügung stellen können!
Wie diese «Clavichord-Orgel» klingt und welch faszinierende Ästhetik mit dem Instrument im Berner Münster verbunden ist, wird anlässlich der Orgelfahrt vom 21. September für die St.Galler Orgelfreunde in Wort und Klang erlebbar. Es ist eine einzigartige Gelegenheit, sich mit Aspekten der Zukunft des Orgelbaus und mit dieser im Herzen der Schweiz beheima­teten Pioniertat im Orgelbau zu beschäftigen!




Vom chinesischen Sheng zum Harmonium d’art Mustel:

Eine kleine Instrumentengeschichte
Marc Fitze

Seit einigen Jahren erlebt das Harmonium in Europa, in Japan und in den USA eine Renaissance. Es gibt seit kurzem wieder mehrere Instrumen­tenbauer, die sich vollberuflich der Harmoniumrestauration widmen und einzelne Orgelbauer versuchen sogar aufwendige Neubauten. Harmoni­umkurse und Fachbörsen sind grenzüberschreitend im Trend. Orchester und Chöre verlangen zunehmend nicht mehr nach irgend einem Organis­ten für die Besetzung des Harmoniumparts, sondern wünschen gute Instrumente und ausgebildete Spieler.
Die Erinnerungen an Psalmenpumpen in pietistischen Andachten mit jämmerlichen Klängen schlecht gespielter Billiginstrumente verblassen allmählich und eine neue Generation interessiert sich mit frischen Ohren für die eigentliche Erfindung des Harmoniums. Die Wiederentdeckung des Harmoniums ist in gewissen Punkten mit dem Schicksal der Blockflöte vergleichbar. Durch die Überschwemmung des Marktes mit Billiginstru­menten und flächendeckendem Jekami geriet die eigentliche Kunst des Harmoniumspiels und des Harmoniumbaus für mehr als ein halbes Jahrhundert in Vergessenheit.
Der Begriff «Harmonium» wird heute oft mit dem Gattungsnamen der Harmonika-Familie verwechselt. Die Harmonikagruppe vereint jedoch völlig unterschiedliche Instrumente. Die Palette reicht vom 3000-jährigen chinesischen Sheng, dem ältesten Vorläufer der Harmonikainstrumente, über die Physharmonica, das Akkordeon, das argentinische Bandoneon, das indische baja, die Mundharmonika, das Schwyzerörgeli bis hin zum komplexen französischen Kunstharmonium und den Kombinations-Instrumenten piano-orgue von Franz Liszt, Harmonicorde von Alexandre Debain und Orgue-Célesta von Auguste Mustel.
Innenleben einer Orgue-Célesta Mustel
Angetrieben von der Erforschung der historischen Aufführungspraxis, die mittlerweile tief im 19. Jahrhundert angelangt ist, beschäftigen sich Orga­nisten und Orgelbauer seit einiger Zeit mit dem Tasteninstrument Harmonium, welches das Klangideal des 19. Jahr­hunderts in besonderer Weise verkör­pert. Am Ende des 18. Jahrhunderts, als die Dynamik zum vorherrschenden Mittel des musikalischen Ausdrucks wurde, begann im Instrumentenbau die Suche nach «expressiven» Klavie­ren und Orgeln. Erste Experimente mit Orgelpfeifen führten zu Erfindungen von dynamischen Orgeln durch den Klavierbauer Sébastien Erard, den Orgelbauer Louis Paul Dallery und die Brüder Girard. Letztere reichten ein Patent ein für eine Orgel mit dynami­schem Wind und flexiblen Labien, die bei änderndem Winddruck die Schwankungen der Tonhöhe ausglei­chen. Eine Erard-Orgel mit funktionie­rendem dynamischem Manual soll in Paris heute noch existieren.







Durchschlagende Zunge – durchschlagender Erfolg
Bald schon wurden diese komplizierten Erfindungen aber fallengelassen und als bester Klangerzeuger für die Konstruktion dynamischer Tasten­instrumente wird die «durchschlagende Zunge» erkannt. Im Unterschied zu den Orgelpfeifen ändert sie bei variierendem Winddruck nur die Laut­stärke, kaum aber die Tonhöhe. Ob man in Europa wirklich erst Versuche mit durchschlagenden Zungen begann, nachdem der französische Jesuit und Missionar Père Amiot 1776 mehrere Shengs (Mundorgeln) von China nach Paris gesandt hatte, bleibt umstritten.
Die durchschlagende Zunge war in Europa längst in Form eines anderen chinesischen Instruments bekannt:
die «Mundtrommel». Als «Guimbarde» ist sie in Frankreich seit der gallo­römischen Zeit (7.–9. Jh.) als Volks­instrument nachgewiesen. Eingang in die Hochkultur fand sie im Zeitalter des Barock mit seiner Liebe zu volks­tümlichen Instrumenten. Johann Georg Albrechtsberger schrieb mehrere Konzerte für Maultrommel. Allerdings haben sowohl die Zungenpfeifen der von Christian Gottlieb Kratzenstein 1780 erfunden Sprechmaschine wie auch die Zungenregister, die Abbé Vogler als erster ab 1790 in Orgeln einbauen liess, eine sehr grosse Ähnlichkeit mit den durchschlagenden Metallzungen in den Bambusrohren des chinesischen Shengs.
Heutzutage ist das Sheng ausserhalb Chinas vor allem bekannt durch den Virtuosen Wu Wei (Bild links). Mit seiner Offenheit gegenüber modernen Kompositions- und Spieltechniken hat er dem 3000 Jahre alten Instrument Sheng neue Einsatzmöglichkeiten im Konzertleben eröffnet. Er hat von bekannten zeitgenössischen Kompo­nisten wie John Cage, Enjott Schneider und Jörg Widmann bisher über 280 Werke für Sheng uraufgeführt, darunter zehn Solo-Konzerte mit den Berliner Philharmonikern unter Kent Nagano, mit dem BBC Symphony Orchestra, dem NDR-Sinfonieorchester, dem Los Angeles Philharmonic unter Gustavo Dudamel und andern. In Bern wird er ein Programm für Sheng und Orgel spielen, welches klassische chinesische Werke und europäische Barockmusik miteinander verbindet.



Grosse Verwandtschaft
Bei den Harmonium- und Harmonika-Instrumenten sind die kulturellen Bezüge äusserst vielfältig. Beim Hauptinstrument des argentinischen Tango, dessen Namen «Bandoneon» auf den deutschen Musiklehrer Hans Band zurückgeht, ist die Geschichte der Verbreitung durch die europäischen Einwandererströme und die Wandlung vom Bordell­instrument zur Attraktion im Salon der Bourgeoisie äusserst spannend.
Auch die Mundharmonika ist stark verbunden mit Sozialgeschichte und Migration. Hinter der ohrenfällig im Film «Spiel mir das Lied vom Tod» eingesetzten Mundharmonika verbirgt sich nicht nur Blues und Country, sondern auch eine abgründige Instrumentalgeschichte, welche bis zu den Mundharmonikaorchestern im Konzentrationslager von Auschwitz reicht.
Das indische Harmonium, je nach Region «baja» oder «peti» genannt, wiederum ist eine Abwandlung des französischen Harmoniums, als dessen Erfinder der Pariser Alexandre Debain gilt. Erst Lehrling in den Klavierwerkstätten von Pape, Mercier und Erard, dann Schüler von Adolphe Sax, meldet Debain 1842 ein Patent für sein neu erfundenes Instrument «Harmonium» in Paris an. Im selben Jahr bringt Sax sein allererstes Saxophon nach Paris. Beide Erfindungen erregen bald das Interesse des Pariser Musiklebens und verbreiten sich rasch insbeson­dere durch die Hilfe von Hector Berlioz.

Die Entwicklung des Kunstharmoniums
Während Sax sein neues Instrument nun in acht verschiedenen Grössen baut, wird auch das Harmonium ständig weiter entwickelt. Es entstehen «pianos à sons prolongés». Debain erfindet das Harmonicorde, ein Instru­ment mit Klaviersaiten und Harmoniumregistern, für das Lefébure-Wély eine Schule und zahlreiche Werke schreibt. Franz Liszt lässt sich 1854 durch die Vermittlung von Hector Berlioz bei Edouard Alexandre in Paris seine erste piano-orgue bauen, ein grosses dreimanualiges Instrument bestehend aus einem Erard-Flügel und einem zweimanualigen Pedal­harmonium von Alexandre.
Ein Harmonicorde Debain mit Saiten und Zungen.
Eine zweite Piano-Orgue wird 1864 ins Hause Liszt folgen und seine Orgelmusik und symphonischen Werke beein­flussen.
Mit der Erfindung des Kunstharmoniums durch Victor Mustel 1855 wird schliesslich der Harmoniumbau zum Höhepunkt geführt. Es entsteht erst­mals ein Musikinstrument, das die Ansprüche der Komponisten voll­ständig befriedigt. Ab da steigt die Produktion von Harmoniumwerken durch Komponisten wie César Franck, Alexandre Guilmant, Camille Saint-Saëns, Alfred Louis James Lefébure-Wély, Jacques Lemmens, Charles Marie-Widor und vieler anderer sprunghaft an. Virtuose Werke fürs Harmonium d'art Mustel und Schulen mit national unterschiedlich ausge­prägten Stilen werden bald am spanischen Königshof, in England, Hol­land, Belgien, Italien sowie durch Karg-Elert und August Reinhard in Deutschland und durch den Wienerkreis um Arnold Schönberg ge­schaffen.
Einige Harmoniumvirtuosen wie Alphonse Mustel machen Welttourneen bis nach Russland oder Australien und auch noch Edwin Lemare und John Lennon sind Besitzers eines «Mustel». Da die meisten Komponisten auch Organisten waren, entsteht allmählich eine gegenseitige Beein­flussung des Orgel- und des Harmoniumrepertoires. Dieser Umstand verlangt denn auch im Grunde genommen von heutigen Organistinnen und Organisten, dass sie zum optimalen Verständnis der Orgelmusik des 19. Jahrhunderts beide Instrumente gut kennen.

Zeitgenössische Komponisten zeigen Interesse
Hinzu kommt, dass Aristide Cavaillé-Coll nach seiner ersten Erfindung, der Poïkilorgue, einem Verläufer des Harmoniums, eng mit dem Harmoni­umbau und dem expressiven Klang­ideal des Harmoniums verbunden blieb. Es ist daher nicht unkorrekt, wenn Orgelexperten wie Guy Bovet etwas salopp formulieren, dass «eine Cavaillé-Coll-Orgel nichts anderes als ein riesiges Harmonium» sei... In letzter Zeit sind auch einige neue Werke für Kunstharmonium ent­standen. 2008 schuf der holländische Komponist Martijn Padding ein Harmonium-Concerto und 2013–2014 schrieb der Bieler Komponist Christoph Schiess Werke für Harmonium und Chor sowie für Harmonium, Klavier und Streicher. Im Rahmen des Harmoniumfestivals «Polyphonie der Kulturen» wurden 2016 in der Heiliggeistkirche Bern verschiedene neue Werke uraufgeführt: «Le Confessioni» für Sprecher und Orgue-Célesta des italienischen Kompo­nisten Fernando Sulpizi, eine Sammlung kurzer Harmoniumstücke des Berner Komponisten Hans Peter Graf und ein grosses Oratorium für Frauenensemble und Harmonium des in Oftringen (Aargau) im Exil lebenden ägyptischen Komponisten Waël Sami Elkholy.


















Impressum

St. Galler Orgelfreunde: www.ofsg.org

Redaktionskommission: Eva Bachmann, Bernhard Ruchti, Hans Peter Völkle

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Für den Inhalt der Texte sind die jeweiligen Autoren verantwortlich.
Konzertkalender
6.9.2019, 18.45 Uhr, Evang. Kirche Altstätten: Feierabendmusik auf der Orgel von Benjamin Küng und Werken von J.S. Bach, Sigfried Karg-Elert, Theo Wegmann und Dietrich Buxtehude – www.konzertzyklus.ch
6.9.2019, 20 Uhr, Evang.-ref. Kirche Arbon: «Northern Lights», Orgelkonzert von Hanne Kuhlmann (Kopenhagen) spielt
7.9.2019, 19.15 Uhr, Kirche St.Maria Neudorf, St.Gallen: Orgelkonzert von Ruedi Lutz mit Live-Bildübertragung auf Leinwand – www.orgel-stmaria.ch
8.9.2019, 17 Uhr, Andreas-Kirche Gossau: Festliche Musik für zwei Trompeten und Orgel mit dem Trio Toccata – www.triotoccata.eu
8.9.2019, 17 Uhr, Kirche St.Stefan Kreuzlingen-Emmishofen: Filmmusik Konzert von Nicolas Borner
15.9.2019, 17 Uhr, evang. Kirche Gachnang: Kammermusik und (vierhändige) Orgelwerke von Bruhns, Finger, Buxtehude, Bach u.a. mit Alain Schmid und Lukas Murer (Orgel), Christina Aiko Mayer (Violine), Flurin Sturzenegger (Violoncello), Cinja Müller (Oboe), Andreas Schneggenbruger (Trompete)
15.9.2019, 17 Uhr, Kloster St.Ulrich, Kreuzlingen: Hans Leitner (München) spielt Werke von Bach, Rathgeber, Schmid u.a.
15.9.2019, 17.15 Uhr, Evang.-ref. Kirche Weinfelden: Bettagskonzert mit Daniel Walder (Orgel) und Bernhard Bichler (Bariton)
28.9.2019, 19.15 Uhr, Kirche St.Maria Neudorf, St.Gallen: Julia Kreyenbühl-Gschwend (Harfe) und Dagmar Grigarová (Orgel) spielen Werke von Rudolf Ewald Zingel, Alphonse Hasselmans, César Franck, Alfred Holý und Carl Rütti
29.9.2019, ab 16 Uhr, Evang. Kirche Romanshorn: Orgelmarathon mit Silvia Seipp (16.00 Uhr, «Freude»), Daniel Engeli (16.45 Uhr, «Metamorphosen»), Oliver Kopeinig (17.30 Uhr, «Weltreise») und Bruno Sauder (18.15 und 19 Uhr, «Nicht Bach, sondern Meer sollte er heissen»)
30.9.2019, 17 Uhr, Evang. Stadtkirche Frauenfeld: Orgelkonzert von Christoph Lowis zum Thema «Toccata» mit Werken von Anton Heiller, J.S. Bach, Sergei Prokof­jew und Maurice Duruflé – www.frauenfelder-abendmusiken.ch
9.10.2019, 18.30 Uhr, Kathedrale St.Gallen: Orgelkonzert von Willibald Guggenmos im Rahmen der Kirchenmusikwoche
10.10.2019, 19.30 Uhr, Stadtkirche Winterthur: 1. Orgelherbstkonzert von Jean Baptiste Monnot (Rouen) und Werken von Charles-Marie Widor, Maurice Duruflé, César Franck und Louis Vierne – www.orgel-winterthur.ch
12.10.2019, 19.15 Uhr, Kirche St.Maria Neudorf, St.Gallen: Olma-Konzert mit der Hanneli-Musig und Maja Bösch (Orgel) – www.orgel-stmaria.ch
17.10.2019, 19.30 Uhr, Stadtkirche Winterthur: 2. Orgelherbstkonzert von Vincent Thevenaz (Genf) und Werken von J.S. Bach, Otto Barblan, Robert Schumann, Richard Wagner, Felix Mendelssohn und Joseph Jongen
Weitere Konzerte auf www.ofsg.org